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Die Manifestation der Göttlichen Namen
in der Existenzphilosophie Muhyiddin Ibn Arabis

Selahattin Akti

 


Fenster von Lothar Quinte im Dom zu Lübeck

 

[Nach] Ibn Arabis Ansicht, dass die Erschaffung aus dem Nichts nicht aus absolutem Nichts, sondern aus relativem Nichts geschieht [...], kann man nicht sagen, dass die Dinge, die in der Welt existieren, vorher überhaupt nicht existiert haben. Vielmehr sind sie von einer Stufe der Existenz auf eine andere Stufe übergegangen. So gesehen sind die Wirklichkeiten der Dinge, die noch nicht erschaffen wurden, das heißt, denen noch keine äußere Existenz verliehen wurde, in einer Art Dunkelheit eingeschlossen, und ihre Existenzgewinnung wird dadurch möglich, dass der Allwahre (al-Haqq) Sich in ihnen manifestiert. Aus diesem Grund ist es wichtig, den Stellenwert des Begriffes tajalli (Manifestation) in Ibn Arabis System zu erläutern. Man kann hier ohne Übertreibung sagen, dass Ibn Arabis Philosophie im Grunde genommen eine Manifestationstheorie ist.

 












Status der möglichen existenten Dinge: Die möglichen Wesen befinden sich zwischen dem Sein und dem Nichts und beherbergen daher die Besonderheiten beider Seiten in sich. Zu beachten ist hierbei jedoch, dass die Zwischenstufe, in der sie sich befinden, nicht die des absoluten Nichts, sondern die der relativen Nichtexistenz ist


Von der wörtlichen Bedeutung des Ausdrucks tajalli (Manifestation) soll den Leserinnen und Lesern hier anhand eines beispielhaften
Gleichnisses, das in der Vergangenheit öfters verwendet wurde, ein erster Eindruck vermittelt und damit das Verständnis erleichtert werden.


Man stelle sich einen Raum vor, in dem sich Tische, Stühle, Teppiche und ähnliche Dinge befinden, der aber völlig abgedunkelt ist. Weder die Menschen im Raum noch die draußen haben eine Ahnung davon, was sich darin befindet, denn in ihm herrscht völlige Dunkelheit. Dann schaltet einer die Taschenlampe in seiner Hand ein und hält sie auf die im Raum befindlichen Gegenstände. Auf diese Weise werden die Dinge sichtbar und für die Augen wahrnehmbar. So wenig, wie man in Bezug auf die vor kurzem noch nicht sichtbaren Gegenstände im Raum sagen kann, sie hätten nicht existiert, so wenig kann man in Bezug auf die äußeren Dinge, die zu sehen man gewohnt ist, sagen, dass sie, bevor sie in die äußere Existenz traten, nicht existiert hatten.
Ähnlich der Taschenlampe wird auch das Wirklichwerden bzw. Sichtbarwerden der möglichen existenten Dinge dadurch bewerkstelligt, dass Gott sie mit Seinem eigenen Licht [1] erhellt. [2] Man darf hierbei nicht vergessen, dass etwas sichtbar werden kann,
wenn es entweder selbst eine Lichtquelle enthält oder es Licht reflektieren kann. Da die endgültige Lichtquelle Gott selbst ist, ist
das zur Reflexion befähigte Objekt die Welt. Tajalli wiederum ist
die Sichtbarwerdung dieser Lichtquelle.


(...)


Im Grunde genommen ist mit dem Ins-Sein-Treten der Welt auch ein Problem in Bezug auf die Namen Gottes gelöst worden. Denn die Namen Gottes bedürfen eines Betätigungsfeldes als Objekt, um die in ihnen liegenden exekutiven Funktionen ausführen zu können. Die Welt hat diesen Bedarf gedeckt:


»Gott hat die Welt erschaffen, damit die Exekutivität Seiner Namen realisiert wird. Denn eine Macht ohne jemanden, dem gegenüber sie ausgeübt wird, eine Freigiebigkeit ohne jemanden, der sie empfängt, eine Ernährerschaft ohne zu Ernährenden, eine Helferschaft ohne Hilfesuchenden und eine Barmherzigkeit ohne Erbarmenswerten sind alles wirkungslose funktionslose Entitäten.« [3]


»Siehst du nicht, wie die Göttlichen Namen das Problem behoben haben, dass sie ihr Wirken nicht an diesem ›das Universum‹ genannten Ort entfalten konnten? Die Ruhe ist deswegen beliebt geworden.« [4]


Auf diese Weise hat Gott als Spiegel, in dem Er Sein Geheimnis erblicken und auf dem Er alle Funktionen aller Seiner Namen ausführen kann, die Welt geschaffen. [5]


Im 66. Kapitel der Futuhat gibt Ibn Arabi in Form einer Erzählung ein Gespräch zwischen den möglichen Existenzen und den Göttlichen Namen wieder. Darin heißt es, dass die möglichen Wesenheiten, die es satt hatten, in der Dunkelheit zu verharren, sich an die Göttlichen Namen wandten und sie um Hilfe baten. Wenn ihr Wunsch erfüllt würde, stiegen sie von der Dunkelheit des Nichts ins Sein auf und die Göttlichen Namen wären von ihrer Passivität befreit. Die Erzählung nimmt mit der Erschaffung der Welt ein glückliches Ende. [6]


In der Geschichte der islamischen Philosophie war es Ibn Arabi,
der als Erster seine Hypothese von der Erschaffung der Welt an die
Göttlichen Namen anlehnte. Es wird auch angenommen, dass
er hierbei von Ibn Qasi beeinflusst wurde, der vorher eine eigene Theorie zu den Göttlichen Namen ausgearbeitet hatte. Da Details zu weit führen würden, sei hier einfach konstatiert, dass gemäß Ibn Arabi der Allwahre die Welt mit Hilfe Seiner Namen ins Sein gebracht hat.


Jeder Name hat zwei Seiten; während die eine Seite auf sich
selbst weist, weist die andere Seite zum Wesen des Allwahren. Da
sie mit der Letzteren alle in eine Richtung weisen, weisen sie auch
mit dem Allwahren auf dasselbe und sind daher untereinander austauschbar.


Andererseits tragen sie in Bezug auf ihre Pflichtwahrnehmung bei der Erschaffung der Welt einen »Verpflichtungsnamen«, mit dem sie sich voneinander unterscheiden. Einige Denker trugen den letzteren Aspekt der Namen sogar so weit, dass sie meinten, diese würden über eine eigene autarke Existenz verfügen.





Namenstheorie: Die Welt ist ein Ausführungsort der Funktionen der Namen Gottes. Die Zahl der Namen Gottes ist unendlich. Allah hat nicht nur Namen der Güte, wie ar-Rahim (der Gnädige) und ar-Razzaq (der Ernährer), sondern auch Namen der Majestät, wie al-Qahhar (der Unterwerfer) und al-Muntaqim (der Vergelter)



© Selahattin Akti 2016

 


Selahattin Akti

geboren 1972, promovierte an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt als Doktor der Philosophie im Fachbereich Sprach- und Kulturwissenschaften und publizierte u.a. zur Gott-Welt-Beziehung bei Ibn Arabi sowie über die Moses-Khidr-Erzählung im Koran und deren Verhältnis zur sufischen Koranexegese.

Quelle

Selahattin Akti: Gott und das Übel – Die Theodizee-Frage in der Existenzphilosophie des Mystikers Muhyiddin Ibn Arabi.


Anmerkungen


1 Im Koran heißt es dazu: »Allah ist das Licht der Himmel und der Erde. Das Gleichnis Seines Lichts ist eine Nische, in der sich eine Lampe befindet. Die Lampe ist in einem Glas. Und das Glas gleicht einem flimmernden Stern. Es wird angezündet von einem gesegneten Baum, einem Olivenbaum, weder vom Osten noch vom Westen, dessen Öl fast schon leuchtet, auch wenn es kein Feuer berührt. Licht über Licht! Allah leitet zu Seinem Licht, wen Er will. Und Allah prägt Gleichnisse für die Menschen. Und Allah kennt alle Dinge« (Koran 24:35).


2 Futuhat al-Makkiyya III, 456.


3 Futuhat al-Makkiyya I, 185.


4 Fusus al-Hikam 204.


5 Fusus al-Hikam 48.


6 Vergleiche Futuhat al-Makkiyya I, 487–489.



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